Anna

Wenn ich an Kai denke, sehe ich ihn zurückgelehnt, die Beine übereinander geschlagen, wie er mit Daumen und Zeigefinger in seinem Kinnbart herumknetet. Dabei hat er dieses unverwechselbare Kai - Lächeln aufgesetzt, das einen auf eine charmante Art bestechen konnte, ihn gern haben zu müssen.
Ich hatte immer Schwierigkeiten, unsere Beziehung zueinander zu begreifen, wusste nie, welche Position ich ihm gegenüber vertrat. Schließlich merkte ich, wie viele Freunde er hatte, mit denen er lachen, reden und seine Zeit verbringen konnte. Nach seinem Tod hatte ich das Gefühl, nicht trauern zu dürfen, da ich ja nur "eine Statistin" in seinem Leben gewesen bin, wie ich es mir eine Weile sagte. Bei Gesprächen über ihn konnte ich nur halb so viel meiner eigenen Erlebnisse beitragen wie die anderen und schnell stellte ich fest, dass es noch nicht mal ein Foto von uns gibt... das einzige zeigt mich in der Mitte und ihn gerade noch so am Rand. Ich habe geglaubt, dass ich ihm nicht genug bedeutet habe, um mich eine Freundin nennen zu dürfen.

Aber irgendwann, als ich meinen ersten Text für diese Seite schreiben wollte, fielen mir tausende Situationen ein, die ich mit Kai verband. Ich musste zum Beispiel an einen Abend denken, als ich Kai so lange mit Sprüchen bombardiert habe, bis er eine Viertelstunde mit dem oben beschriebenen Lächeln im Sessel saß und an einem Racheplan getüftelt hat; die Erdbeerfeldmassage in Calella fiel mir ein und die Fahrt ins Cafe Royal zu Slut, wo er Kerstin und mich mit seinem Mini abgeholt, aber vollkommen verpeilt hatte, sich nach dem Weg schlau zu machen, und wie er dann -in Frankfurt angekommen- ewig rangierte um seinen Mini im leeren Parkhaus einzuparken. Oder es gab da eine Situation, wo er bei Kerstin auf dem Campingplatz eine halbe Stunde einen Lachanfall mit Tränen hatte, weil ich einen vollkommen sinnlosen Spruch losgelassen hatte. Ich musste auch an einen unserer Grillabende denken. Bei der Verabschiedung rief er mir zu: "Net so zaghaft, Mäidsche", weil ich ihn nicht wie gewohnt umarmt hatte.

Als mir all diese Dinge einfielen, ist mir klar geworden, dass -ganz gleich ob ich Freundin oder Statistin für ihn war- ich trauern und weinen darf, denn für mich ist er ein Freund gewesen, den ich verloren habe.

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